Abenteuer Portugal

Surfen lieben gelernt

Steil fallen hier die Klippen ab, unten krachen die Brecher des Atlantiks gegen die Felsen. Das Meer, das im Licht der Sonnenstrahlen schimmert, sollte die kommenden zwei Wochen unser zu Hause sein – Portugal, genauer ein kleines beschauliches Örtchen namens Ericeira.

Auf ins Abenteuer
Mit unseren Backpacks laufen wir der Küste entlang zum Repture Surfcamp. Am Praia da Foz do Lizandro sind wir endlich am Ziel. Angekommen. Wohlgefühlt.

Etwas verpeilt stolpern wir in den Innenhof – „Hey Boys – I’m Josi. Are you all set to surf?“. Josi ist selbst Surferin und als Surf-Coach einige Monate im Camp vor Ort. Nicht lange dauerte es, bis wir die anderen aus dem Camp kennengelernt hatten. Nach einer ersten Erkundungstour am Strand und einem durchaus lohnenden Abendessen in dem Fischrestaurant Tasca Da Boa Viagem bereiteten wir uns für unsere erste Surflesson vor. Für den ersten Tag war eine Wellenhöhe von sieben Fuß angekündigt. Das heißt: Über zwei Meter Wassermasse türmen sich vor einem auf, wenn man mit dem Board unter dem Arm in das offene Meer stapft. Bei leichtem Nieselregen lernten wir den richtigen Sprung, um im Wasser später sicher auf dem Board zu stehen. Mira und Vasko sind unsere beiden Locals, die seit Jahrzehnten in Ericeira leben und surfen. Nicht selten liest man, dass das alte Dorf für Surfer die besten Wellen Europas bietet.

Im Oktober 2011 ernannte der Verband Save the Waves Ericeira zum World Surfing Reserve. Die Idee ist, eine Art Welterbe des Surfens zu schaffen. Denn hier drängen sich sieben Weltklasse-Wellen auf vier Kilometern, von Padra Branca bis São Lourenço. Unweit von unserem beschaulichen Anfängerspot liegt an der Bucht von Coxos der absolute Hotspot für die Profis. Hier rollen die Wellen mit großer Kraft ein, hier gibt es die gefährlichsten Strömungen. Wer nicht genau weiß, was er tut, kann leicht gegen das Riff geschleudert werden, an dem die Wellen brechen.



Das Gefühl, die Energie der Wellen aufzunehmen und übers Wasser zu gleiten – ein Gefühl, das unbeschreiblich ist. Surfen kann schnell zu einer Leidenschaft werden – eine Leidenschaft, die einen so schnell nicht mehr loslässt. Welle um Welle versucht man, den Drive zu spüren und perfekt ans Ufer zu surfen.

Jeder Surfer war einmal ein verzweifelter Anfänger, der das frustrierende Gefühl erlebt hat, von einer Welle nach einem Nosedive ordentlich unter Wasser getaucht zu werden oder nicht rauspaddeln zu können, weil er nicht gegen die Wellen ankommt. Gerade am Anfang ist das Scheitern größer als der Erfolg. Doch ist es gerade aus der Anstrengung heraus wert zu kämpfen, um vielleicht auch nur eine einzige Welle perfekt zu bekommen.

Wenn man es dann endlich hinter die brechenden Wellen geschafft hat, bleibt ein wenig Zeit, um sich von dem Gepaddel auszuruhen: Diese herrliche Ruhe, ganz frei von dauernd brechenden Wellen.

Übereifrig animierte mich der Kalifornier Jeff, an dem am Camp nahegelegenen Spot zu surfen. Ohne Begleitung stürzte ich mich mit Jeff in das kalte Nass. Nach wenigen Minuten war er meterweit entfernt von mir. Völlig fix und fertig vom Rauspaddeln kam plötzlich ein gefühlt 100 Fuß großes Set auf mich zu, das jetzt ganz und gar nicht mehr so lächerlich wie von draußen aussah, sondern plötzlich einfach nur noch riesengroß und furchteinflößend schien (okay – sagen wir es waren mindestens zehn Fuß). Ich gleitete nicht cool auf der Welle, sondern versuchte in den Wassermaßen wieder an die Oberfläche zu kommen, um Luft zu holen. Keine zehn Minuten hat es gedauert, bis ich mit einer Platzwunde wieder aus dem Wasser kroch. Jeff schmunzelte mich nach seiner Rückkehr im Camp (nach eineinhalb Stunden) kurz an – wie gut, dass wir in dem geschützten Bereich des Hafens Praia dos Pescadores unsere ersten Versuche wagen konnten.



Und auch genau deswegen ist Ericeria so gut – denn abgesehen von den Profi-Spots gibt es die kleinen Buchten, die geschützter liegen, sodass die Wellen an Wucht verlieren und sanfter an den breiten weichen Sandbänken brechen. Nahezu gefahrlos kann man auf seinem Brett hindurchtauchen, so oft, bis man es hinter die Brechungslinie aufs Meer geschafft hat. Dort angekommen, schaukelt man im Auf und Ab der Wellen, mit dem Blick auf den kleinen Strand, der wie ein weißer Fleck zwischen der steilen Küstenfront glänzt. Der Neoprenanzug schützt den Körper vor dem frischen Wind, der am Morgen von der Küste aufs Meer bläst. Nur unter den nassen Haaren und in den feuchten Ohren spürt man die Kälte des portugiesischen Atlantiks. Die Sonne ist hier weniger ein wärmender Begleiter als vielmehr nettes Beiwerk für das perfekte Feeling.

Schwimmen sieht man hier kaum jemanden. Die Elemente, die Ericeiras Strände für Surfer so attraktiv machen, sorgen nebenbei dafür, dass sie unter sich bleiben können. Manche kommen von weit her. Trotz der Masse an Deutschen hatten wir lustige Begegnungen mit Südkoreanern, Bulgaren, Norwegern und Schweden. Weil das eigentliche Ziel auf dem Wasser liegt, gibt man sich an Land mit dem Einfachsten zufrieden. Am Rand der Zufahrtsstraße stehen ungeordnet klapprige Autos und Busse. Eine abendlicher Hotspot ist die Bar Tubo, am Tv. da Esperança. Mittwochs und samstags hat auch ein Club geöffnet – der einzige weit und breit.

Fokussiert warten auf die richtige Welle, welche sich scheinbar plötzlich und zufällig aus dem Meer erhebt. Hier ist verloren, wer die Situation theoretisch erfassen will. In der Welle regiert die Intuition. Eine letzte gute Welle für mich am letzten Tag. Die nächste lässt sicher nicht lange auf sich warten.